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Wunden-die-nie-Heilen.de - Presse-Bericht im NRZ von 21.03.2006

Die Mordwohnung wird vermietet


SELBSTHILFE / Wie Marc Reinholz mit dem gewaltsamen Tod seiner zwei Kinder umgeht, während die Mutter lebenslang im Gefängnis sitzt.

Wenn es gar nicht mehr geht, läuft er. Wegrennen kann Marc Reinholz nicht vor seinen Erinnerungen. Doch das Joggen nimmt den schrecklichen Bildern die Starre, die sich für immer in seinem Kopf festgesetzt haben und ihn nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Bewegung hilft ein wenig. Und dem Hund tut´s auch gut.

Malteser Sheila rollt sich müde zusammen auf ihrer blauen Decke. Die Mordwohnung wird bald vermietet, sagt ihr Herrchen auf dem blauen Sofa daneben und deutet nach oben. Seit über einem halben Jahr stehen sie nun leer, die Räume im Dachgeschoss. Sie sind dem Himmel am allernächsten in dem Stoppenberger Haus seiner Eltern. Marc Reinholz, der dort aufgewachsen ist, hat die obere Wohnung nicht mehr betreten seit dem Morgen des 7. August, jenem Tag, an dem sich in seinem Leben alles änderte und das seiner beiden Kinder ausgelöscht wurde: "Da gehe ich nicht mehr rein." Er klingt ein wenig ängstlich. Max ist beerdigt, Marie ist beerdigt, und ihre Mutter Manuela ist wegen zweifachen heimtückischen Mordes an ihren Sprösslingen zu lebenslanger Haft verurteilt (die NRZ berichtete). Marc Reinholz blieb zurück. Mit seinem Vater. Mit dem Onkel der Kinder. Bald wird die Leere vertrieben, bald wohnen "oben" Bekannte. Sie wissen, was dort passierte, sagt der Vermieter.

"Eigentlich möchte ich nicht geschieden werden"

Am Montag hat Marc Reinholz die Ehe mit Manuela vor dem Amtsgericht endgültig aufheben lassen. Die Doppelmörderin, mit der er nicht mehr verheiratet sein möchte, wollte sich lieber nicht von ihm trennen: "Ich habe ja keine andere Wahl. Eigentlich möchte ich nicht geschieden werden", ließ die 31-Jährige zu Protokoll nehmen. Er wird sie nie verstehen. Doch nun sind die beiden geschiedene Menschen, die keinen Kontakt mehr zueinander haben. Nie wieder, will Marc Reinholz nicht sagen. Was, wenn seine Ex-Frau in vielleicht 20 Jahren aus dem Knast kommt und er sie auf dem Friedhof trifft, wie sie Kerzen aufstellt auf dem Grab ihrer Kinder, die durch ihre Hand starben. "Eine unfassbare Vorstellung" für den 31-Jährigen, doch ganz abschütteln kann er den Gedanken nicht. Sie hat ihn über Bekannte bitten lassen, für sie Grablichter zu entzünden.

Denn sie sitzt im Gefängnis in Dinslaken ein. Marc Reinholz steht auf und geht zum Schrank. Nimmt eine Kiste mit Bildern heraus. Viele sind´s. Von Max. Von Marie. Von Manuela. Von Max und Marie und Manuela stapelweise. Er selbst ist auch drauf. "Die hat fotografiert wie Karla Kolumna", sagt der Onkel der beiden getöteten Kinder, der mit im Haus wohnt. Unten im Erdgeschoss neben Marc Reinholz. Weiter weg von der Mordwohnung ist nur noch der Keller. Auf einem Bild ist der Onkel in Badehose mit Max im Schwimmbad zu sehen. Die beiden haben Spaß, lachen. Der Onkel war "glücklicherweise arbeiten, als das passierte", sagt er.

Einmal, bei einem Besuch in Paris, habe Manuela 360 Fotos allein vom Eiffelturm geschossen. Ihre Kinder hat sie erstickt. Ihr vielleicht nicht so ganz ernsthafter Selbstmordversuch danach ging daneben. Trotz 32 Schlaftabletten und Psychopharmaka. Ihr Mann rettete sie, und erlebte einen Albtraum: Er musste die toten Kinder entdecken. Max wurde 22 Monate alt. Marie war fünf, als sie starb. Beide lagen sie tot und kalt in den Betten.

Nein, Hass auf die Mörderin empfinde er nicht, sagt Marc Reinholz. Er sei einfach fassunglos. Er sei verzweifelt. Nach wie vor. Es ist schwer zu erklären. Wenn Worte den Gefühlen nicht annähernd das Wasser reichen können, entsteht Unbeschreibliches.

Eine wirkliche Antwort auf das Warum, das ihn quält seit jenem Morgen, das Warum, das er als Frage mit lauter Ausrufezeichen in Richtung der Mörderin herausschrie auf der Zeugenbank im Schwurgerichtssaal, hat er eh nicht gefunden in all den Monaten des Nachdenkens, das immer wieder von schierer Verzweiflung unterbunden wird. Dann zittern seine Beine. "Das ist wie ein Herzinfarkt", sagt er. Dann bricht er zusammen, wird von Weinkrämpfen geschüttelt, muss sich hinlegen. Erst vor wenigen Tagen war er wieder im Krankenhaus. Die Ärzte sagen, er soll kürzer treten. Wohin denn?

Was soll er denn noch machen? Er müsste sich selbst vergessen. "Ich werde immer weniger." Er nimmt ab. Richtig essen kann er immer noch nicht. Die ersten zwei Wochen nach dem Verbrechen bekam er nicht mal einen einzigen Bissen herunter, und besser gegangen ist es ihm nach dem Gerichtsurteil auch nicht. Die Psychopharmaka, die Ärzte ihm verschrieben gegen den Schock und das Trauma, die hat er inzwischen abgesetzt. "Die helfen nicht, die machen nur süchtig und benebeln", weiß er von anderen Medizinern. Er will klar sehen. Vermutungen, weiß er, sind nicht genug, um der Wahrheit wirklich näherzukommen, die nicht nur unerträglich ist. Denn er hatte auch schöne Momente mit Manuela, bevor das Schreckliche passierte - und dann kommt doch noch eine Vermutung: Vielleicht hat sie das getan, "weil sie mit ihrem Lügengebäude nicht mehr klargekommen ist."

Belegt ist: Sie schlief mit einem anderen Mann, weil sie wusste, dass Marc sie nur heiratete, wenn sie ihm ein Kind schenken würde. Sie suchte ein Nest und Wärme in seiner Familie, liebte die Eltern ihres Ehemannes "mehr als mich", sagt er, der kaum zeugungsfähig ist seit einer Hodenentzündung in jungen Jahren. Marc Reinholz erfuhr erst nach dem Tod der Kinder, dass sie beide nicht seine leiblichen waren, sondern gezeugt wurden von dem Halbbruder seines Vaters. Seine Frau hatte es ihm verschwiegen, und er hatte nicht wirklich gefragt, auch wenn er sich wunderte über die blauen Augen und die blonden Haare, zumindest bei Marie. Er und gerade Manuela, die einen italienischen Vater hat, sind doch eher dunklere Typen. Nur der leibliche Vater kannte die Wahrheit, für die er sich aber kein Stück interessierte. Und der Chef von Marc Reinholz wusste es auch. Doch der sagte kein Sterbenswörtchen.

So oder so. Er hat sie geliebt, die Kinder, er war und ist der Vater, der sich gekümmert, der sie aufwachsen gesehen hat. Als sie tot waren, nahm Marc Reinholz ihre Bilder von der Wand, weil er ihren Anblick nicht verschmerzen konnte. Doch sie ließen sich nicht lange einsperren in Kartons und Schränken. Marc Reinholz nahm sie wieder heraus. Hängte und stellte sie auf, schickte ihre Bilder in die Welt. Jeder, der es will, kann jetzt virtuell mehr erfahren über Max und Marie, er kann sie lachen sehen, kann sie spielen sehen, dort, wo sie lebten, dort, wo sie starben, weil ihre Mutter sie ihrem Ehemann nicht gönnte.

Im Internet hat Marc Reinholz seinem Mädchen und seinem Jungen "ein Denkmal gesetzt", wie er sagt, etwas geschaffen für die Kinder. Und auch etwas für sich selbst. Dort bekommt er Beistand, von Menschen, die online sind. Von Menschen, die trauern. Um Kinder, die verunglückten, die bei oder vor der Geburt starben... Traurige Fälle, doch keiner wie seiner. Die Tastatur fühlt sich kühl an. Doch auch wenn ihn die Menschen an den Computern nicht in den Arm nehmen können, tut es Marc Reinholz gut, offensiv mit dem größten vorstellbaren Verlust umgehen zu können. Aus dieser Erfahrung heraus, hat er so etwas wie eine Selbsthilfegruppe im Netz gegründet, ein Forum für Menschen in einer Gesellschaft, die viele ihrer Kinder durch Elterngewalt verliert.

Immer und immer wieder erzählt

Die Geschichte seines Familienschicksals hat er wieder und wieder erzählt, hat sie mitgeteilt, sie geteilt mit anderen vor Kameras und Journalisten. Er war dann nicht alleine. Doch er hat nicht nur gute Erfahrungen und ein bisschen Geld gemacht. Das er "Blutgeld" nennt. Das er nicht behielt. "Lieber würde ich unter der Brücke schlafen als das." Die Honorare spendete er und zwar aus Überzeugung, und nicht, weil er tatsächlich Anfeindungen bekam, aus dem gewaltsamen Tod seiner Kinder auch noch Kapital schlagen zu wollen. 500 Euro gingen zum Beispiel an die Kinderkrebsstation des Uni-Klinikums. Spenden spenden auch dem Spender Trost. Es ist eine gute Tat nach einer grausamen. Es ist die Suche nach dem Sinn im Sinnlosen und unterm Strich hat das Reden ja auch dabei geholfen, den Schmerz besänftigen zu können. Morgen geht Marc Reinholz wieder laufen.

Zwei Websites hat Marc Reinholz ins Netz gestellt. Unter www.marieundmax.de beschreibt er das Schicksal seiner Familie. Mit www.wunden-die-nie-heilen.de möchte er ein Selbsthilfe-Forum für Menschen anbieten, die ihre Kinder durch Verbrechen verloren haben.

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